Die Heimat von Orchideen bewahren
Umweltministerin informiert sich über Projekt zum Erhalt artenreicher Rasen
Waldeck/Edertal – „Kalkmagerrasenverbund“: Hinter diesem staubtrockenen Begriff verbirgt sich das Bestreben, eine an Pflanzen wie Kleintieren überaus arten- und blütenreiche Lebensgemeinschaft zu erhalten. Sie entstand erst über Jahrtausende durch traditionelle Weidehaltung als Teil einer bäuerlich geprägten Kulturlandschaft. Heute schwebt sie in der Gefahr zu verschwinden.
Der Landschaftspflegeverband Waldeck-Frankenberg hält dagegen und versucht, in Waldeck und Edertal ein Netz dieser ökologisch wertvollen Biotope zu schaffen. Hessens Umweltministerin Priska Hinz informierte sich am Freitag in Waldeck über die Hintergründe des Projektes auf dem Areal „Wachenhube“ zwischen drei weiteren Flächen dieser Art am Golfplatz sowie am Kleinen und Großen Mehlberg.
Harte Bedingungen, große Artenvielfalt
Einen Kalkmagerrasen kennzeichnet ein sonniger, trockener, nährstoffarmer Standort mit kalkhaltigem Boden. Harte Lebensbedingungen herrschen hier für Pflanzen und Tiere. Das führt zu großem Artenreichtum, weil viele verschiedene Spezialisten ihre ganz besonderen Nischen im Lebensraum besetzen, an die sie angepasst sind. Nicht zuletzt heimische Orchideen gehören zu den faszinierenden der dort etablierten Arten.
Vier wesentliche Faktoren gefährden laut Umweltbundesamt dieses Ökosystem:
- der Rückgang der klassischen Weidetierhaltung. Denn ohne eine Beweidung gewinnen über kurz oder lang Sträucher und Bäume die Oberhand auf der Fläche. Sie „verbuscht“ und der Schatten vertreibt die Sonnenanbeter unter den Pflanzen und Tieren.
Nährstoff-Flut reduziert Artenzahl
- Nährstoffeinträge aus der Luft. Das Umweltbundesamt führt sie auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse auf Ammoniakbelastungen durch Tierhaltung, auf Überdüngung und vom Menschen gemachte Verbrennungsprozesse aller Art zurück.
- eine veränderte, weil intensivere Nutzung von dafür geeignetem Weide- und Grünland. Während früher Ziegen, Schafe, Pferde oder Rinder auf Weideflächen grasten – als Extensivnutzung bezeichnet – wird heute ein Großteil des Grünlands mehrfach im Jahr auf „Bierflaschenhöhe“ gemäht, um energiereiches Futter zu gewinnen, etwa für die Milcherzeugung. Folge: eine Lebensgemeinschaft mit nur noch einer guten Handvoll statt 40 bis 60 Pflanzenarten und mit einem nährstoffreichen Boden. Zugleich ermöglicht der zeitgenössischen Landwirtschaft dieses Verfahren aber erst, möglichst viel Futter für die Tierhaltung auf den eigenen Flächen zu gewinnen.
- der Klimawandel. Selbst den Trockenheitsspezialisten des Kalkmagerrasens schadet er mannigfaltig
Leitarten des Kalkmagerrasens: Kreuzenzian (links) und Orchidee "Dreizähniges Knabenkraut", Fto: LPV, Dieter Bark
Pflegeverband lässt die Kalkmagerrasen von Büschen freihalten und unterstützt das Beweiden
Der Landschaftspflegeverband geht mit seinem Projekt gegen das Verbuschen vor und will das Beweiden der Flächen fördern. Zugewucherte Kalkmagerrasen wurden von Strauchbewuchs befreit.
Beispielsweise Ziegen sollen dort nun regelmäßig weiden als Form der altherkömmlichen, extensiven Nutzung. Der Verband sucht weitere Halterinnen und Halter gerade alter Haustierrassen, die sich daran beteiligen. Darüber hinaus dienen schonende Mahd und Vorkehrungen für einzelne Tier- und Pflanzenarten dem Erhalt der Kalkmagerrasen.
Ziel ist zudem, ein Netz solcher Flächen zwischen Waldeck und Edertal zu entwickeln, deren Abstand zueinander den darauf lebenden Arten das Wandern vom einen zum anderen Kalkmagerrasen möglich macht. Pflanzensamen oder Insekten etwa reisen dabei auch mit auf den Rücken der Weidetiere, die ihre Standorte wechseln, oder als stille Passagiere von Vögeln. Der Austausch verhindert eine Inzucht der Artbestände.
Partner des Landschaftspflegeverbandes ist der Nationalpark. Dieser kaufte eine Fläche an, unterstützte ebenfalls die Tierhaltung oder verteilte die Mahd auf andere Areale, damit die in ihr enthaltenen Samen auskeimen und neue Pflanzenbestände bilden. Außerdem übergab der Pflegeverband Flächen im Zuge der Erweiterung des Nationalparks in dessen Verantwortung.
Beweidung durch Ziegen und andere alte Haustierrassen soll die Rasen bewahren: Halter gesucht
An der Zusammenarbeit führt kein Weg vorbei
Der Pflegeverband und seine Partner informierten Umweltministerin Priska Hinz. Foto: su
Waldecks Bürgermeister Jürgen Vollbracht verwies bei der Begrüßung von Umweltministerin Priska Hinz auf die anhaltende Trockenheit. In der Dürre schlage sich der Klimawandel in der heimischen Region nieder. Der 2017 gegründete Verein „Landschaftspflegeverband Waldeck-Frankenberg“ steht für den Versuch, trotz teils unterschiedlicher Interessenlagen der Beteiligten gemeinsame Lösungen für die Herausforderungen im Natur- und Umweltschutz zu finden. Mit finanzieller Unterstützung des Landes fanden sich darin Vertreterinnen und Vertreter von Kommunen, Landwirtschaft und Naturschutz gleichberechtigt wie freiwillig zusammen, um die Pflege und Entwicklung der typischen Natur und Landschaft der Region zu betreiben. „Ich hätte nicht gedacht, dass innerhalb von fünf Jahren so viel erreicht wird. Das ist gut, denn es werden weitere Aufgaben auf den Verband zukommen“, sagte Fritz Schäfer, Kreisdezernent für Landwirtschaft, Direktvermarktung und Verbraucherschutz. Damit zielte Schäfer darauf ab, dass es schwerer und schwerer falle, Tierhalter zu finden, die Landschaftspflege durch Beweidung betreiben.
„Es fällt schwer, Kolleginnen und Kollegen davon zu überzeugen, wenn andererseits von ihnen verlangt wird, vier Prozent der Flächen stillzulegen“, ergänzte Kreislandwirt und Pflegeverbandsvorstand Martin Vollbracht.
Priska Hinz erinnerte daran, dass der Pflegeverband als eines von drei Pilotprojekten in Hessen gestartet sei. Bald werde hoffentlich jeder Landkreis über einen solchen Verein verfügen. Sie betonte einerseits, dass der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen auch eine Voraussetzung für erfolgreiche Landwirtschaft ist, wie sich in der Klimakrise zeige. Zum anderen sei die Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Naturschutz unverzichtbar.
WLZ vom 29.08.2022
