Art des Konsums bedingt Artenarmut (Pressebericht des NABU, Interview von Frau Odenhardt und Frau Arndt)
Artenreiche Wiesen wie diese sind eine Seltenheit geworden. Zurückzuführen ist das unter anderem auf unsere Art des Konsums und der Ernährungsweise.
Der 20. Mai ist Weltbienentag. Die Bedeutung von Bienen ist elementar für die Menschheit – als Bestäuber sichern sie Biodiversität und Ernährung. Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang Grünland für die Biodiversität? Das erklärt Kerstin Arndt vom Landschaftspflegeverband Waldeck-Frankenberg im Interview mit Angela Odenhardt von der IG Wiesen und Weiden im Waldeck-Frankenberger NABU.
Was sind artenreiche Wiesen eigentlich?
Artenreiche Wiesen sind gekennzeichnet durch hohe Anzahl von unterschiedlichen Gräsern und Kräutern und bieten Nahrung und Lebensraum für Vögel, Insekten, Nagetiere, Frösche, Pilze und Mikroorganismen.
Kann man beim Spazierengehen eine artenreiche Wiese auf den ersten Blick erkennen?
Ja, und dafür muss man kein Botaniker sein. Artenreiche Wiesen haben ein ausgewogenes Gleichgewicht von Gräsern und Kräutern. Außerdem sind sie strukturreich in ihrem Aufbau. Es gibt Hochgräser, aber auch niedrigwüchsige Arten wie Rosettenpflanzen. Die Flächen sind inhomogen und weisen mal dichtere und mal schüttere Bereiche auf. Ein wichtiger Indikator für artenreiche Wiesen ist natürlich der Blühaspekt. Entscheidend ist, dass die Gräser und Kräuter überhaupt bis zum Blühzeitpunkt wachsen können und die Mahd erst im frühen Sommer erfolgt. Außerdem kann man artenreiche Wiesen mit allen Sinnen wahrnehmen. Es gibt viele Farben, ein Zirpen, Summen, Zwitschern und unterschiedlichste Gerüche. Artenärmere, intensiv genutzte Wiesen sind gleichförmiger im Aufwuchs und haben meist eine dunkelgrüne oder saftige Farbe. Hier werden energiereiche Futtergräser angebaut, die durch ein homogenes Höhenwachstum gekennzeichnet sind.
Wiesen sind ständig im Wandel. Wir haben beim Wiesen-Wettbewerb die Arten gezählt. Die Teilnehmer haben eine Artenliste. Sie können nun schauen, ob neue Arten hinzukommen. Wäre das das Ziel einer guten Bewirtschaftung?
Die Anzahl an Arten auf einer Fläche ist ein guter Indikator für die naturschutzfachliche Wertigkeit. Aber neben der Artenzahl ist auch die Seltenheit einzelner Pflanzen ein besonderes Gütezeichen. Mit dem Einsatz einer Artenliste wird die Artenkenntnis geschult. Nur wer all die Pflanzen erkennt und ihnen einen Namen geben kann, wird sie auch vermissen, wenn sie nicht mehr da sind. Manche Arten sind sogenannte Zeigerarten. Sie kommen nur bei bestimmten Nährstoffgehalten, einem bestimmten Säuregehalt oder bei bestimmter Bodenfeuchte vor. Durch ihr Fehlen oder Vorkommen können Rückschlüsse auf den Boden gezogen und die Bewirtschaftung angepasst werden.
Es gibt viele Begriffe. Was ist eigentlich der Unterschied von Wiesen, Weiden und Grünland?
Weiden werden mit Rindern, Pferden, Schafen, Ziegen oder auch mit Geflügel beweidet. Die Weide unterliegt den spezifischen Einflüssen von Tritt und Verbiss. Die Tiere selektieren und meiden stachelige oder übelschmeckende Pflanzen. So ist der Wacholder ein typisches Merkmal alter Weide- und Huteflächen. Durch die Schaffung von Offenstellen, das Anreichern von Dung und die Selektion von Arten tragen die Tiere ganz natürlich zu einer Vielfalt der Weidestruktur und damit zur Biodiversität bei. Wiesen werden maschinell gemäht. Das heißt, der gesamte Bestand wird zu einem Zeitpunkt gleichmäßig auf einer Höhe abgeschnitten. Auch damit formt man die Zusammensetzung. Bei häufigem Schnitt werden beispielsweise Hochgräser unterdrückt und kleinere Pflanzen gefördert. Je nach Zeitpunkt des Mähens kommen nur bestimmte Arten zur Blüte und können sich vermehren. Streng genommen sind auch Wegeraine in der Agrarlandschaft bedeutende Wiesen und stellen ein großes Potenzial für den Naturschutz dar. Sie vernetzen das Grünland in der Feldflur, sind entscheidende Trittsteine für wandernde Arten und haben je nach Ausprägung eine große Wirkung auf das Landschaftsbild.
Manche denken daran, ihre Wiese umzubrechen und eine Blumenmischung auszusäen.
Idealerweise sollten sich heimische und regionale Arten ausbreiten. Diese sind am besten an unser Klima angepasst und sind am widerstandsfähigsten. Tatsächlich kann ein Kleegras aus Bayern ganz anders aussehen als ein Kleegras in der Wetterau. In Einzelfällen kann es aber Sinn machen, eine Blühmischung einzusetzen, wenn der aktuelle Bestand auf der Fläche zu konkurrenzstark ist. Dann sollte jedoch eine naturnahe und regionale Saatgutmischung eingesetzt werden. Diese Mischungen haben bis zu 50 verschiedene Gräser und Kräuter, während eine Futterwiesenmischung maximal ein Zehntel der Arten aufweist. Ein Umbruch muss immer bei der Landwirtschaftsbehörde oder der Naturschutzbehörde beantragt werden.
Es gibt Menschen und Wiesen, die werden niemals mager. Aber warum soll denn Magerkeit bei Wiesen das Ziel sein? Für welche Tiere ist das Futter von diesen mageren Wiesen gut? Wie verpasst man einer Wiese eine Schlankheitskur?
Viele Arten, wie etwa Orchideen oder andere Blühpflanzen, die wir gerne in der Landschaft beobachten, sind Magerkeitszeiger. Diese Arten brauchen natürlich auch Nährstoffe, sie können sich jedoch unter Konkurrenz mit anderen Arten an nährstoffarmen Standorten besser durchsetzen. In den meisten Fällen steigt also die Artenvielfalt, je weniger gedüngt wird. Auf nährstoffarmen Flächen fehlen eiweißreiche Futterpflanzen. Man sagt auch, das Mahdgut hat einen größeren Rohstoffgehalt oder ist mehr verholzt. Für Pferde, Schafe, Ziegen, aber auch alte Haustierrassen ist dieses Futter ideal. Es wird hauptsächlich getrocknet als Heu zur Verfügung gestellt. Eiweißreiches Gras von sogenannten Fettweiden wird eher als Silage verfüttert.
Von welchen Faktoren hängt ab, was ich mit meiner Wiese machen soll? Gibt es überhaupt allgemeine Handlungsempfehlungen? Wie oft soll man mähen, wann, wie tief und was ist dabei zu beachten?
Der Bestand einer Wiese ist von vielen Parametern wie Standort, Boden, Exposition, Klima usw. abhängig. Der Mensch kann durch den Zeitpunkt, die Art und die Frequenz der Mahd und den Einsatz von Dünger und Saatgut weiteren Einfluss auf die Artenvielfalt ausüben. Entscheidend ist, wie die Fläche genutzt werden soll. Der Einsatz von Dünger führt zu mehr Pflanzenmasse und weniger Vielfalt und ist in der Landwirtschaft häufig notwendig. Hat man den Luxus, die Artenvielfalt in den Vordergrund stellen zu können, wird es kompliziert. Häufig wird eine extensive Nutzung mit zwei Schnitten pro Jahr nicht vor Mitte Juni und ein Verzicht auf Dünger und Nachsaat empfohlen. Bei einer Umstellung von intensiver zu extensiver Nutzung reicht das manchmal nicht aus. Manchmal müssen konkurrenzstarke Gräser durch eine Vor- oder Nachweide oder frühe Mahd gezielt unterdrückt werden. In allen Situationen ist der Einsatz schneidender Mähwerke wie Balkenmäher den rotierenden Kreiselmähern vorzuziehen, da ein deutlich höherer Anteil von Kleintieren den Einsatz überlebt und die Pflanzen weniger stark verletzt werden. Bei einer Schnitthöhe von mindestens zwölf Zentimeter werden fast 95 Prozent der Amphibien verschont, während bei niedrigeren Schnitthöhen fast ein Viertel der Tiere den Einsatz nicht überlebt. Auch die Fahrweise kann viel bewirken. Ein Mähen vom Rand zur Mitte kreist fliehende Tiere wie Rotwild, Hasen usw. ein. Denken Sie daran, den Tieren Fluchtmöglichkeiten zu geben.
Die artenreichen Wiesen haben abgenommen, warum?
Wiesen werden in erster Linie zur Futtergewinnung von Nutztieren genutzt. Eine Milchkuh hat heutzutage eine Milchleistung von über 10 000 Liter pro Jahr. Diese Energie muss sie über das Futter gewinnen. Sie braucht also energiereiche, eiweißreiche Gräser und Kräuter, die auf nährstoffreichen, gedüngten Flächen wachsen. Eine Hochleistungskuh würde auf einer bunten, blühenden Wiese einfach nicht mehr satt werden. Wie die Wiesen aussehen, hat also ganz direkt mit unserer Art des Konsums und unserer Ernährung zu tun.
„Wahl der Rassen neu überdenken“
„Auch Landwirtinnen und Landwirte freuen sich sicher über blühende Wiesen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es die Tiere freut, eine größere Vielfalt auf dem Speiseplan zu haben. Aber der Grundsatz bleibt der Gleiche: Wenn eine Kuh viel leisten muss, muss auch energiereiches Futter für sie bereitstehen“, sagt Kerstin Arndt vom Landschaftspflegeverband Waldeck-Frankenberg. „Mit Maulwurfshaufen und Glockenblumen verdient der Landwirt nicht seinen Lebensunterhalt. Der Preis für günstige Lebensmittel ist der Rückgang der Arten“, betont sie und verweist weiter: „Übrigens nimmt nicht nur die Artenvielfalt auf der Fläche, sondern auch in unseren Ställen ab“. Noch vor fünfzig Jahren habe es eine Vielzahl von Nutztierrassen gegeben, deren Versorgung wesentlich anspruchsloser gewesen sei. Hochleistungen in der Milch- und Fleischproduktion seien das Ergebnis von Züchtungen auf wenige spezialisierte Rassen mit all den genannten Nachteilen für die Wiesen und Weiden.
„Meiner Meinung nach sollten wir in der Diskussion um mehr Tierwohl und Artenvielfalt nicht nur die sogenannte „Massentierhaltung“, sondern auch die Wahl der Tierrassen neu überdenken“. Der Landschaftspflegeverband setze Weidetiere, darunter auch alte Haustierrassen, in der Landschaftspflege ein. Hierbei stehe nicht das reine Produkt des Tieres im Mittelpunkt, sondern seine Leistung für den Erhalt unserer Kulturlandschaft. „So werden diese Leistungen für die Natur nicht nur ideell, sondern auch finanziell honoriert“, unterstreicht die Expertin.

Kerstin Arndt (38) hat Agrarwissenschaften sowie Umwelt- und Ressourcenmanagement in Gießen studiert, in einem Planungsbüro in der Wetterau und bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Waldeck Frankenberg gearbeitet. Seit 2018 ist sie für den Landschaftspflegeverband (lpv-wa-fkb.de) in der Projektarbeit tätig. Foto: LPV/pr
WLZ vom 16.05.2022